Indien
Tragikomödie von Josef Hader und Alfred Dorfer
Ins Fränkische übertragen von Helmut B. Günther
Zur Eröffnung der Festspiele 2006 eine Premiere des nana theaters: Rühlmann und Heimüller, seit Jahren musikalische Partner („Neurosenkavaliere“), spielen in dieser ruppigen Komödie um Freundschaft, Tod und Schnitzel.
Heinzi Bösel, ein kleinbürgerlicher Widerling, und Kurt Fellner, ein zwanghafter Spießer, reisen als Inspektoren des Gast- und Hotelgewerbes durch die Provinz. Zwei wie Essig und Öl in einer begnadeten Posse über zwei miese Leben und ein unbeholfenes Sterben.
Die österreichische Tragikomödie “Indien” hat als Theaterstück und Film Kultstatus. Regisseur Bernd Schramm verlegt die Handlung in die fränkische Provinz, denn auch da weiß man den Wert eines Schnitzels zu schätzen!
Heinz Bösel: Arnd Rühlmann
Kurt Fellner: Jürgen Heimüller
Inszenierung: Bernd Schramm
Ausstattung: Nikola Voit
Aufführungsrechte: Verlag Bunte Bühne, Wien
PREMIERE:
11. Juli 2006 im Innenhof der Weinwirtschaft Fischerei, Bamberg
Pressestimmen:
Ursula Svoboda, „Fürther Nachrichten“, 20.04.09
Der Tod ist wie Umsteigen in Forchheim
Mit seiner fränkischen Version des österreichischen Kultstückes "Indien" gastierte das Nana Theater Nürnberg am Wochenende in der Kofferfabrik - und hinterließ manchen Kloß im Hals.
„Der Tod ist wie Umsteigen in Forchheim“. Und dann wartet ein alter Mann mit langem weißen Bart und spielt mit dir Sechsundsechzig. (...)
Das Stück, das als Film - mit Hader und Dorfer in den Hauptrollen - bereits kultisch verehrt wird, ist zum Teil zotenhaft, gleichzeitig aber durchdrungen von der Frage nach dem Sinn allen Lebens. Und die beiden Hauptdarsteller Arnd Rühlmann und Jürgen Heimüller wie auch Regisseur Schramm als Wirt, Arzt und Pfarrer, sie verkörpern brillant allen Franken so vertraute Charaktere; maulfaul und geschwätzig sind sie, fühlen sich über den anderen erhaben und bleiben doch auf ihn angewiesen.
Es sind Menschen, wie sie einem überall begegnen können. Der Spiegel, der dem Zuschauer vorgehalten wird, wirft kein allzu schönes Bild zurück. Beeindruckend an der Inszenierung ist die Glaubwürdigkeit, mit der sich die Wandlung der Beziehung Bösels zu Fellners verdeutlicht. Mit dem Ernst des Todes erhält auch ihr Verhältnis zueinander unerwartete Tiefe.
Das Ende dieses Theaterabends in der Kofferfabrik hinterlässt nachdenkliche Zuschauer, denen man anmerkt, dass sie nicht wissen, ob sie nun lachen oder weinen sollen.
Thomas Wirth, „Fränkische Landeszeitung“, 05.10.06
Blutiger Ernst im Ansbacher Theater Kopfüber
Heinz Bösel sitzt und schweigt. Er ist schwer beschäftigt. Er sitzt und kaut und kaut... und kaut... und ab und an schluckt er auch runter. Heinz Bösel ist Schnitzeltester. Harter Job. Den muss er aber nicht allein machen. Denn Kurt Fellner übernimmt den Rest. Der schaut, ob ein Sauna-Geländer vorhanden oder ob der Teppich rutschsicher ist. Nach solchen Sachen guckt er. Die zwei sind Gaststättenprüfer, unterwegs in der Provinz und untereinander eher inkompatibel. Eigentlich. (...)
Das Bamberger „nana theater“ machte für hiesige Verhältnisse das einzig richtige mit der Stückvorlage. Es schickt Bösel und Fellner nicht in Österreich auf Test-Tour, sondern im Oberfränkischen. Dementsprechend reden sie. Und dementsprechend näher rückt das Stück an einen heran. Bösel ist zwar ein furchtbar rustikaler Widerling und Fellner ein verklemmter Ehrgeizling, der zwischen Softie-Allüren und Despoten-Posen schwankt. Aber wer ehrlich genug hinschaut, entdeckt etwas von sich selbst in ihnen.
Bernd Schramm, der auch in Nebenrollen auf der Zimmerbühne steht, hat das Stück mit Gespür für den richtigen Rhythmus inszeniert. Hilfloses Schweigen und Monotonie lässt er kalkuliert ausspielen, die Ausbrüche, die Ausraster natürlich auch. Die Figuren behalten ihr Typenhaftes, sind aber mit einem solch blutigen Ernst hingestellt, dass ihre Komik nichts Lustiges hat, sondern sich wie verschärfter Realismus anhört.
Arnd Rühlmann spielt den Schnitzeltester Bösel als Kerl, der auch als Nussknacker sein Auskommen hätte, grobklotzig, starr, in sich gefangen. Jürgen Heimüller den Fellner weniger softig, sondern verbissen dynamisch. Am Ende, wenn die zwei sich fast freundschaftlich zusammengerauft haben und Fellner auf der Krebsstation stirbt, steckt noch in jeder flapsigen Bemerkung, in jeder tapsigen Geste eine vorsichtige Zärtlichkeit. Da lacht keiner mehr im Saal.
Helmut Ölschlegel, „Fränkischer Tag“, 15.07.2006
„Indien“ auf fränkischen Abwegen
Mit „Indien“ hat das Theaterstück, das jetzt in der Gaststätte Fischerei mit viel schauspielerischer Prominenz aus Bamberg Premiere feierte, im eigentlichen Sinne so gar nichts zu tun. Auch das Lachen auf der Bühne des romantischen Innenhofes der Weinstube hinter Klein Venedig blieb in der Übertragung aufs Publikum diesem oft als quälendes Würgen im Halse stecken. Der aus dem Österreichischen ins Fränkische übertragene Witz entwickelte sich zusehends ins Abgründige menschlicher Existenz.
Die Tragikkomödie der beiden österreichischen Kabarettisten Josef Hader und Alfred Dorfer wurde von Bernd Schramm (...) mit viel Gefühl für die Beschaffenheit fränkischen Seelenlebens inszeniert. In den beiden Hauptrollen brillierten Arnd Rühlmann als kleinbürgerlicher Prolo-Saufkopf „Heinz Bösel“ und Jürgen Heimüller als aufgeblähter Gastronomiekontrolleur „Kurt Fellner“ mit aufgesetzter Business-Mentalität. Der Kontrast der beiden Charaktere könnte kaum größer sein, die Asymmetrie ihrer Kommunikation kaum schräger. (...)
Hinter Bösels stoischer Bierseeligkeit wurde bald frauenverachtende Aggression und ordinäre Obszönität sichtbar. Fellners anfänglich scheinbare geschäftliche Souveränität zerbröckelte zunehmend in immer hilfloser anmutender Kleinkariertheit. Als die kommunikative Schieflage fast umkippte und sich in blinde Wut gegen den nächstbesten Wirt entlud, verbrüderten sich die beiden Antipoden durch die geschlossene Klotüre im Hof.
Nach der Pause wurde die Bühne zum Krankenhauszimmer umgebaut. Die im Suff abgeglittenen Verbalinjurien nahmen ein Ende und das Stück seine überraschende Wende, als Fellner dem nahenden Tod in die Augen blickt. Die philosophischen Ergüsse zu Krankheit und Tod so simplifiziert die Gedanken über den Glauben, u.a. im Hinduismus an eine „Wiedergeburt in Indien“ auch sein mögen gehen unter die Haut. (...) Rühlmann und Heimüller steigern sich bis in die Schlussszene, als das Licht erlischt, in eine unglaubliche Leistung, die nicht nur ihnen, sondern auch dem Publikum viel abverlangt.